Das Kernkraftwerk Niederaichbach (KKN) war für eine elektrische Leistung von 100 MW ausgelegt und wurde in den Jahren 1966 bis 1972 auf der Gemarkung Niederaichbach im Landkreis Landshut in Niederbayern errichtet. Es war in der Zeit von 1972 bis 1974 mit bis zu 40 % der Nennleistung in Betrieb. Hierbei wurde eine Strommenge entsprechend 18 Vollasttagen erzeugt. Aus wirtschaftlichen und technischen Gründen wurde es 1974 endgültig abgeschaltet. In der ersten Stillegungsstufe, dem gesicherten Einschluss, wurden die Brennelemente und Betriebsmedien entfernt sowie das radioaktive Inventar im Sicherheitsbehälter eingeschlossen.
![]() |
|
Querschnitt durch das frühere Kernkraftwerk Niederaichbach |
Während der zweiten Stillegungsstufe wurde die Anlage KKN vollständig beseitigt. Die Genehmigung hierzu wurde dem Kernforschungszentrum Karlsruhe GmbH als Eigentümer der Anlage sowie den Firmen Noell GmbH, Würzburg und NIS, Nuklear-Ingenieur-Service GmbH, Hanau, als Auftragnehmer im Juni 1986 vom BStMLU erteilt. Hinsichtlich der Demontagearbeiten konnte damals von folgendem Anlagenzustand ausgegangen werden:
![]() |
![]() |
|
Reaktoreinbauten |
Reaktorgebäude |
Vor Beginn der Demontage wurden Mitte 1987 zunächst lufttechnische Anlagen, ein Hygienetrakt, eine Abwassersammelstation sowie eine Materialschleuse eingerichtet. Erst nach Inbetriebnahme dieser Einrichtungen und Wiederinbetriebnahme weiterer vorhandener Hilfseinrichtungen, wie zum Beispiel Reaktorgebäudekran, Aufzüge u.a., konnte die eigentliche Demontage der Anlage beginnen.
Der Demontageablauf wurde in fünf Abschnitte eingeteilt:
1. Abbau der konventionellen Anlagenteile manuell vor Ort
2. Abbau der kontaminierten Anlagenteile vor Ort
3. Abbau des aktivierten Moderatorbehälters mit dessen Einbauten und des thermischen Schildes mit fernbedienten Demontagegeräten
4. Abbau der aktivierten Innenschicht des biologischen Schildes mittels Präzisionssprengungen (die Vor- und Nacharbeiten erfolgten dabei manuell vor Ort) und Rückbau der Demontagegeräte sowie Dekontamination der
Kontrollbereichsgebäude
5. Konventioneller Abbruch der Gebäude
Im ersten Abschnitt erfolgte die Demontage der Anlagenteile, die aufgrund des Anlagenbetriebes nicht mit radioaktiven Medien in Berührung gekommen waren. Diese Teile wurden manuell vor Ort abgebaut, nach entsprechenden Messungen und nach Freigabe durch die Behörde als gewöhnliche Anlagenteile ausgeschleust. Sie wurden wiederverwertet oder als gewöhnlicher Abfall beseitigt. Dieser erste Abschnitt war im Oktober 1988 beendet.
Für die Demontage der nicht aktivierten, sondern lediglich kontaminierten Anlagenteile außerhalb des biologischen Schildes wurden fast ausschließlich industrieerprobte, handelsübliche Geräte (Fräsen, Sägen usw.) verwendet, die manuell vor Ort bedient werden konnten. Dieser zweite Demontageabschnitt konnte im Februar 1990 erfolgreich abgeschlossen werden.
Für den Video-Clip
"Sprengung des Turms KKN" bitte Bild anklicken
Video-Clip: Forschungszentrum Karlsruhe GmbH Bearbeitung: Aljoscha Boesser, Berlin |
Der 130 m hohe Abluftturm wurde am 16. Januar 1995 um 11.41 h gesprengt.
Nur für den Abbau der aktivierten Bauteile war es aufgrund der vorhandenen Dosisleistung von bis zu 0,18 Sv/h notwendig, von einem abgeschirmten Steuerhaus aus, fernbedient zu arbeiten. Dazu wurden ein Drehmanipulator mit austauschbaren Werkzeugen, ein Kranmanipulator und eine Ringsäge verwendet. Diese zum Schutz des Demontagepersonals entwickelten Werkzeuge wurden 1990 installiert. Das so abgebaute Material wurde in kombinierte Transport/Endlagerbehälter verpackt, die gleich fernbedient verschlossen wurden. Die endlagergerechte Konditionierung erfolgte im Kernforschungszentrum Karlsruhe.
Die Arbeiten in den Abschnitten 1 bis 2 wurden ausschließlich innerhalb des Sicherheitsbehälters durchgeführt, der zudem noch vom Reaktorgebäude umschlossen war. Das im Strahlenschutz ausgebildete Personal und die Einhaltung der Strahlenschutzverordnung sowie die behördlichen Kontrollen der strahlenschutztechnischen Maßnahmen und der Freigaben von Material gewährleisteten einen sicheren Abbaubetrieb und den Schutz der Bevölkerung und der Umgebung.
|
|
|
Außenaufnahme des bereits demontierten Kernkraftwerks Niederaichbach |
Mit dem Abbruch des Kernkraftwerks Niederaichbach wurde erstmals ein Leistungsreaktor vollständig abgebaut und beseitigt. Hierbei handelte es sich um ein Demonstrationsvorhaben, dessen Erkenntnisse bei der künftigen Beseitigung ausgedienter Kernkraftwerke genutzt werden können. Dieses Vorhaben wurde vom Kernforschungszentrum in Karlsruhe betreut und vom Bundesministerium für Forschung und Technologie mit einem Aufwand von ca. 270 Mio DM finanziert. Die Begrünung wurde 1994 abgeschlossen und heute erinnert an dieser Stelle nur noch ein Gedenkstein an den früheren Standort dieses Kernkraftwerkes.
©Text und Fotos auszugsweise Forschungszentrum Karlsruhe GmbH